Von den Glocken erzählt
Aus der Geschichte der Nöttinger Glocken

Diese ursprüngliche Glockengeschichte stammt von Eberhard Leonhard und war in den Jahreszeiten (Vereinszeitschrift des CVJM Nöttingen) veröffentlicht.  Die Glockengeschichte ist um die aktuellen Ereignisse (nach 1993) ergänzt.

Der vorliegende Rückblick ist ein Versuch, eine übersichtliche Zusammenfassung aus einer etwa 300 Blatt starken „Glockenakte Nöttingen“ zu erstellen. Diese Akte beginnt mit dem Jahr 1890. Daher können wir aus früheren Zeiten wenig berichten. Der Verfasser übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Dies beruht auf der Schwierigkeit, dass die Akte teilweise widersprüchliche Aussagen beinhaltet. So sind für dieselben Glocken unterschiedliche Töne und Gewichte, für eine Glocke gar zweierlei Gussjahre ersichtlich. Der Schreiber hat sich in diesen Fällen für die gesichertesten Angaben entschieden.
Bereits vor 1692 befanden sich auf dem Nöttinger Kirchturm „drei schöne Glocken“. Während eines französischen Raubkrieges kamen Männer unseres Nachbarlandes in zerstörerischer Absicht auch durch Nöttingen. Unter anderem verbrannten Kirchenbücher und sämtliche Glocken waren geraubt. Dieser Schmerz saß tief bei dem damals schon 20 Jahre in Nöttingen tätigen Pfarrer Johann Jakob Petri. Erst 28 Jahre später hatte er als 80jähriger, immer noch aktiver Seelsorger, wieder den Mut, wenigstens um eine Glocke zu bitten. Die Eingabe des Pfarrers hatte Erfolg und bald war ein schwaches Geläut durch ein Zwei-Zentner-Glöcklein zu vernehmen. Zu schwach, denn noch im selben Jahr machte der Schultheiß die Enttäuschung seiner Bürger deutlich.
Sein Schreiben nach Durlach nachstehend wörtlich, denn diesen Zeilen ist die Schreib- und Denkweise damaliger Zeit gut abzuspüren:

„Eure hochfürstliche Durchlaucht geruhen gnädigst zu vernehmen, dass in der Kirchen allhier zu Nöttingen nicht mehr als ein kleines Glöcklein von ungefähr zwei Zentner sich befindet, welches von denen auf eine halbe Stund entlegenen Filialen Auerbach, Obermutschelbach und zum Teil Dietenhausen nicht gehört werden kann, und demzufolge von diesen Orten die Leute mehrmalen zur Unzeit in die Kirche kommen, infolglich die Anschaffung einer größeren Glocke höchst nötig fallen will. So erkühnen wir arme Untertanen uns in tiefster Untertänigkeit, Euer hochfürstliche Durchlaucht fußfälligst zu bitten, eine größere Glocke von etwa 5 Zentner anzuschaffen.“

Auch diese Eingabe hatte Erfolg. So konnten innerhalb eines Jahres der Pfarrer und der Bürgermeister eines Dorfes sich zwei Glocken erschreiben und erbetteln. Wie war die Qualität der beiden Glocken? Während die kleine 1774 zersprang, passierte dies der größeren neun Jahre später. Durch Umgießen, erstere in Heidelberg, letztere in Stuttgart, wurde das Metall wieder läutfähig gemacht. Aber, welche Überraschung! Die Glocken hatten sich durch das Umgießen so genähert, dass sie plötzlich denselben Ton anschlugen.
Dieses Missgeschick ließen sich die Nöttinger nicht gefallen. Sie verhandelten wiederum mit der staatlichen Stelle, die bis dahin für Beschaffung und Bezahlung zuständig war. Die Bereitschaft, die kleinere Glocke nach Singen abzugeben, brachte als Gegenleistung eine ganz neue, sieben Zentner schwere Glocke. Diese Glocke ist ein großer Glücksfall. Sie dient uns heute noch - 204 Jahre alt. Wenn sie erzählen könnte ...
Diese besondere Glocke trägt die Aufschrift: "Es lässt mich gießen die fürstliche Verwaltung Stein auf Nöttingen durch Anselm Speck in Heidelberg. Anno 1788.“ Ihr genaues Gewicht beträgt 360 kg - dies bestätigt ein Wiegeschein. Ihr Ton - fis - dürfte so unumstößlich sein wie ihr Denkmalschutz. Es besteht volle staatliche Baupflicht.
Für knapp 27 Jahre erfüllte sich ab Weihnachten 1890 der Wunsch, den wir auch heute haben: das Geläut von drei Glocken! Obwohl die Kirchengemeinde unter Pfarrer Spengler diese dritte Glocke aus Eigenmitteln finanzierte, hatte die Bezirksbauinspektion Karlsruhe 1917 das Recht, die gegossenen sechs Zentner zu beschlagnahmen. Sie musste dem Vaterland geopfert werden, während die beiden anderen ihres Alters wegen verschont blieben.
Diesen ungewohnten Verlust einer Glocke nahm die Gemeinde zum Anlass für einen Abschiedsgottesdienst. Dieser Abendgottesdienst am 24. Juni 1917 war nicht nur von Trauer geprägt. Während vorläufig letztmals alle drei Glocken zusammen läuteten, sang die stehende Gemeinde den zweiten und dritten Vers des Liedes „Nun danket alle Gott.“ Anbetung Gottes und Hoffnung auf ihn kamen hier zum Ausdruck. Bei der Abnahme donnerstags darauf läutete die 27 Jahre junge Glocke noch einmal zehn Minuten, bis zur endgültigen Zweckentfremdung. Übrigens verschwand die 1788 nach Singen abgegebene Glocke durch dasselbe Schicksal. Was war aus diesen „Friedensglocken“ geworden?
Niemand dachte in den Folgejahren an eine Ersatzbeschaffung. Es war eine arme Zeit. Endlich im Jahr 1922 kam neue Hoffnung auf. Das Deutsche Reich stellte einige Glocken zur Verfügung. Unser Ort wurde jedoch bei der Verteilung leider nicht berücksichtigt. Begründung: zwei Glocken seien ausreichend!
In dieser Zeit war in der Kirchengemeinde ein dynamischer junger Pfarrer hier tätig. Bei dem späteren Dekan Hauß stand der Wunsch im Mittelpunkt, dass Menschen zu Gott umkehren. So wurde 1924 eine Erweckung im Dorf geschenkt. Über diesem Hauptanliegen vergaßen der Seelsorger und sein Kirchengemeinderat nicht, an das reduzierte Geläute zu denken. Im März 1925 traf ein erster Kostenvoranschlag für eine neue 20-Zentner-Glocke ein. Am 17. April 1925 beschloss - nach dem Prüfen verschiedener Möglichkeiten - die Kirchengemeinde-Versammlung die Beschaffung von zwei Glocken. Die Lieferfirma Rincker, Sinn, sollte eine neue gießen und eine alte umgießen. Durch bereits eingegangene Spenden und die Zusage eines zinslosen Darlehens der politischen Gemeinde war die Bezahlung scheinbar gesichert.
Im Schriftverkehr ging es nun drunter und drüber. Ein Ende April abgeschlossener Vertrag wurde bereits vier Wochen später durch einen Neuen ersetzt. Es scheint, viele Probleme gegeben zu haben. Eine vom EOK (Evangelischer Oberkirchenrat) gestützte Wettbewerbsfirma zeigte verärgertes Verhalten, weil sie nicht zum Zuge kam. Das Orgelbaukommissariat wehrte sich gegen die geplanten Töne. Eine Änderung der Glockenseilführung brauchte die Zustimmung des Bezirk-Bauamts. Der EOK zögerte seine Genehmigung wegen fehlender Unterlagen hinaus.
Dessen ungeachtet ging die Leitung der örtlichen Kirchengemeinde zielbewusst auf den Erwerb von zwei neuen Glocken zu. Inzwischen war nämlich eine andere Planung eingetreten. Es sollte keine alte Glocke umgegossen werden, sondern zu den vorhandenen zwei sollten zwei neue hinzukommen. Die kleinere der alten Glocken, 270 kg schwer und 1784 umgegossen, war jetzt zum Umzug nach Obermutschelbach reserviert.
Am Freitag, 3. Juli 1925 trafen die zwei neuen Glocken mit der Bahn in Wilferdingen ein. Seit dem letzten Vertragsabschluß waren erst fünf Wochen vergangen. Ein Abend der Freude wurde der festliche Einzug des von vier Pferden gezogenen Glockenwagens. Wer an diesem Tag nicht gerade krank war, stand zum überwältigenden Empfang vor der Kirche. Neben Chorgesang, Reden, Gedichten, sang die Freiversammlung aus vollen Kehlen „Nun danket alle Gott.“ Samstags halfen dann viele mit, die beiden Glocken in die Höhe zu ziehen. Die kleine C-Glocke wurde an die Kirchengemeinde Obermutschelbach für 400 Mark verkauft. Die dortige Gemeinde hatte gerade viel Geld aufzubringen für das im Neubau befindliche Kirchlein - und so war das „Sonderangebot“ zu dieser Zeit sehr willkommen.
Die beiden neuen Glocken waren zwar da, aber noch warteten die Einwohner auf das Geläut aller drei Glocken. Dieses Erlebnis war für den Tag der Glockenweihe, auf Sonntag, den 12. Juli 1925, vorgesehen. Zwar rief zum Gottesdienst nur die alte Glocke, aber viele Menschen kamen. Zum Beispiel der Gesangverein, der zwei Lieder sang und eine geschmückte Kinderschar, die Verse aufsagte. In der Predigt ging Pfarrer Hauß auf die neuen Glocken ein. Die große, 1210 kg schwere Glocke, war als Betglocke vorgesehen und trug die Inschrift: „Haltet an am Gebet!“ Sie sollte die 1917 abgegebene Glocke ersetzen. Der Redner meinte schon im Juli 1925: „In dieser lauten Zeit, wo fast in jeder Scheuer die Motoren rasseln und auf den Straßen die Autos knattern, dringt eine kleine Glocke nicht mehr durch. Möge nun die neue Glocke überall gehört werden, wenn sie mahnt zum Gebet oder ruft zum Gottesdienst.“
Die zweite, an diesem Tag geweihte Glocke hat ein Gewicht von 367 kg und schlägt den Ton Ais an. Diese Glocke hängt auch heute noch auf dem Nöttinger Kirchturm.
Nicht nur eine weggegebene Glocke war aus dem ersten Weltkrieg nicht wiedergekommen; auch 54 Gefallene des Dorfes. Zur Erinnerung an diese Soldaten trägt die Glocke die Inschrift: „Zum Gedächtnis der Gefallenen des Weltkrieges. Christus ist unser Friede!“ Die eingravierten Worte nahm Pfarrer Hauß als Anlass, zum Frieden mit Gott und untereinander aufzurufen.
Nach den Weiheworten zur „Friedensglocke“ lauschte die Gemeinde erstmals ihrem Ton. Nach der Weihe der „Gebetsglocke“ erscholl gewaltig der Klang dieser großen Glocke. Dann läuteten die beiden neuen Glocken miteinander. Als Höhepunkt setzte mächtig das ganze Geläut ein, während des Gebets und des Gemeindegesangs: "Großer Gott, wir loben dich!"
Für die Gemeinde waren die neuen Glocken so bedeutend, dass am Nachmittag noch eine Jugend- und Nachfeier stattfand, bei der auf vieler Wunsch nochmals alle drei Glocken zusammen läuteten.
Die Glocken hingen nun und läuteten, aber bezahlt waren sie erst teilweise. Die Kirchengemeinde wartete noch auf einen staatlichen Zuschuss für die angeblich umgegossene Glocke. Das Finanzministerium genehmigte erst in einem Schreiben vom 10. August 1925 die Beschaffung einer neuen und den Umguss einer alten Glocke. Zu diesem Zeitpunkt läuteten schon vier Wochen die beiden neuen Glocken! Zahlreiche Schreiben gingen noch hin und her, bis endlich im Februar 1926 den Betrag des "Umgusses" von 449,55 Reichsmark überwies. Die Kirchengemeinde verstand es, die Glockenfirma schon im Oktober 1925 zu befriedigen, indem sie einen Teil des Darlehens der politischen Gemeinde noch einige Zeit zurückbehielt. Unter der Abrechnung von 4970 Mark Gesamtkosten steht: „Gott sei Dank, der geholfen hat!“
Nochmals kurz zu unserer 1925 gegossenen, 367 kg schweren Ais-Glocke, die uns noch heute dient. Sie wurde 1925 neu gegossen. Dafür ging die 270 kg schwere Glocke von 1784 in das Eigentum der Obermutschelbacher Kirche über. Die staatliche Stelle hat zwar für den angeblichen Umguss 1925 einen Anteil übernommen, jedoch die zukünftige Baupflicht auf das Gewicht der alten Glocke begrenzt. Für diese Glocke ist demnach für 270 kg = 74 % der Staat baupflichtig und die Kirchengemeinde für 97 kg = 26 %. Das gilt anteilmäßig auch für den Glockenstuhl.
Als Husarenstück könnten wir die Finanzierung dieser Glocke mit Ton Ais bezeichnen. Eine vor der Glocke angebrachte Tafel hält fest, dass Friedrich Daub dieselbe gestiftet habe. Dessen Eltern waren 1869 nach Baltimore / Amerika ausgewandert. Gesichert ist, dass der großherzige Spender 945 Mark an seine Urheimat sandte. Das entspricht nahezu dem Grundpreis der Glocke. Mit Nebenkosten kostete sie - anteilig dem Gewicht nach berechnet - 1148 Mark. Als „Umguss-Anteil“ steuerte der Staat rund 450 Mark bei und Mutschelbach bezahlte für die platzmachende Glocke 400 Mark. Das ergibt einen Überschuss von 647 Mark!
Endlich kommen wir weg von dem überaus bewegenden Glockenjahr 1925. 15 Jahre läuteten die Glocken ausschließlich für Zwecke unserer Kirchengemeinde.
Ein besonderes Läuten im Sommer 1940 war mit einer bösen Vorahnung verbunden. Erstmals hatte der Führer einen Befehl über unsere Glocken ausgegeben. Zum Dank für die siegreiche Beendigung des Krieges mit Frankreich und zum Gedenken der Gefallenen erklangen die Glocken sieben Tage lang täglich zur Mittagszeit. Im selben Jahr erhielt die Landeskirche Bescheid, dass in einem Vierjahresplan sämtliche Bronzeglocken beschlagnahmt werden sollten.
1942 wurde es für unsere Gemeinde ernst. Unsere gewaltige, über 24 Zentner schwere Glocke, musste im jungen Alter von 17 Jahren dem Krieg geopfert werden.
Auch die inzwischen 153 Jahre alte Glocke blieb diesmal nicht verschont. 25 Jahre früher durfte sie ihres Alters wegen auf dem Turm bleiben! Zu mächtig war der Schock, diese beiden Glocken hergeben zu müssen. Niemand hatte diesmal den Mut, noch einen Abschiedsgottesdienst zu halten. Wohin geht die ungewisse Reise? Warum muss das sein? - So fragten sich die betroffenen Leute an jenem 18. Februar 1942.
Bald nach Beendigung des zweiten Weltkrieges erwachte wieder der Wunsch, drei Glocken zu besitzen. Pfarrer Diemer, selbst erst im August 1945 von der Wehrmacht zurückgekehrt, stellte erste Anfragen nach einem Glockenguss im Oktober desselben Jahres. Die Gemeinde fing bereits an, für neue Glocken zu sammeln. Eine beauftragte Firma gab den Auftrag im Februar 1946 wegen großer Schwierigkeiten beim Aufbau der total zerstörten Glockengießerei wieder ab.
Im selben Monat erwachte eine ganz andere Hoffnung. In einem Zeitungsbericht war ersichtlich, dass einige Kirchenglocken den Krieg überstanden hatten. So meldete das Pfarramt umgehend die Daten der beiden beschlagnahmten Nöttinger Glocken. Und siehe da: Mit Schreiben vom 12. Juni 1946 teilte der EOK mit, dass unsere Fis-Glocke von 1788 in Hamburg-Wilhelmsburg lagert. Eine wirklich erfreuliche Nachricht! Leider gab dieses Schreiben auch Sicherheit darüber, dass die große A-Glocke eingeschmolzen wurde. Nur 17 Jahre klang ihr gewaltiger Ton über das Dorf.
Lange Zeit war keine Rückführung der Fis-Glocke möglich, aber endlich gab die Militärregierung grünes Licht. So kam unsere älteste Glocke am 19. Juli 1947 nach 5½  Jahren Abenteuer schließlich wieder an ihren heimatlichen Ort zurück. Der Klöppel fehlte, weshalb vorläufig doch nur eine Glocke ertönte. Die Beschaffung eines Klöppels erwies sich als äußerst schwierig. Am ersten Advent desselben Jahres konnte nur deshalb wieder geläutet werden, weil eine Nachbargemeinde einen Klöppel zu verleihen hatte.
Die evangelische Kirchengemeinde Nöttingen wusste nun, dass für die große Glocke eine Ersatzbeschaffung erforderlich war. Daher beschlossen die 22 Anwesenden der Kirchengemeinde-Versammlung am 3. November 1946, eine Glocke für etwa 5000 Reichsmark zu bestellen. Jedoch benötigte die Durchführung dieses Beschlusses weitaus mehr Zeit, als der des Jahres 1925. Damals hörten die Versammlungsteilnehmer bereits 3 Monate nach ihrem Beschluss das Ergebnis. Diesmal gab es ein großes Problem. Die Gießereien hatten kein Metall. Wer das Metall - eine Legierung aus 80 Teilen Kupfer und 20 Teilen Zinn - selbst besorgte, hatte die Möglichkeit zum Glockenguss. Doch wo sollten die etwa 1200 kg Bronze herkommen?
Zum Glück konnte mit Adolf Richter ein Einwohner der Gemeinde gefunden werden, der sich engagiert um den Erwerb des notwendigen Metalls bemühte. Bei der aufwendigen und aufreibenden Tätigkeit reiste er durch den Norden Deutschlands. In Bremen, Hamburg, Kiel, Oldenburg und in Ostfriesland sprach Herr Richter bei verschiedenen Firmen vor, um mühevoll das benötigte Metall zu erbetteln.
Ums Betteln ging es auch zu Hause bei einer speziellen Glockensammlung in der Adventszeit 1947. Eine Zulieferfirma von Metall und die Glockengießerei mussten bei Laune gehalten werden. Dies geschah durch Zusendung von Haferflocken und Tabak.
Der Ortspfarrer freute sich, endlich eine schriftliche Lieferzusage im Oktober 1948 zu erhalten. Die Zusage der Lieferung bis Weihnachten 1948 teilte er seiner Gemeinde mit. Auch einen Folgebrief vom 22. November, in dem der Termin in Frage gestellt, aber eine Auslieferung gleich Anfang 1949 versichert wurde. Der geduldige Seelsorger wurde in einem Schreiben vom 12. Januar 1949 nun doch energisch. Er schrieb unter anderem: „Meine Worte stehen in Gefahr, unglaubwürdig zu erscheinen, da ich nun wiederholt Dinge verkündigte, die ich dann später widerrufen musste! Dieses Hinauszögern und Vertrösten durch Monate scheint uns doch wahrlich zu weit zu gehen!“ Die Anmahnung hatte wohl Wert, denn Anfang Februar war die neue Glocke gegossen. Da nach alter Tradition Glocken freitags gegossen werden, ist der wahrscheinliche Gusstermin der 20. Geburtstag des ehemaligen Ortspfarrers Lauer, also der 4. Februar 1949.
Am 18. Februar 1949 holte Pfarrer Diemer selbst die neue, 1237 kg schwere Glocke in Sinn bei Gießen ab. Viele freuten sich beim Eintreffen in Nöttingen. Der Geistliche hielt eine Begrüßungsansprache und lud zur Glockenweihe auf Sonntag, 6. März 1949, ein. Diese Weihe bereitete er auch gründlich vor. So bat er erfolgreich um ein Grußwort von Landesbischof Bender. Nicht erfolgreich zeigte sich sein Bemühen, den Gottesdienst der katholischen Kirchengemeinde in Wilferdingen verlegen zu lassen. Der damalige Geistliche des katholischen Pfarramtes Bilfingen bedauerte in einem Schreiben, dass nach Canon 1258 # 2 des kirchlichen Gesetzbuches eine Teilnahme seiner Gemeindeglieder an religiösen Feiern von Nichtkatholiken nicht gestattet sei. Gründlich  vorbereitet war auch die Festrede des Ortspfarrers, in der er manches aus der Vergangenheit der Glocken eingebaut hatte. Diese Festrede hielt er bei der Festfeier nachmittags. Da diese Festfeier nicht als Gottesdienst galt, durften sogar Katholiken daran teilnehmen!
Am Sonntagmorgen, 6. März 1949, war wieder einmal der immer wiederkehrende Wunsch unserer Kirchengemeinde in Erfüllung gegangen. Drei Glocken durften läuten! Die neue Dis-Glocke, 1237 kg schwer, ersetzte würdig die dem zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallene „Betglocke“. Als zum ersten Mal wieder das tiefe, volle Geläut erklang, sang die Gemeinde das passende Lied: „Nun danket alle Gott!“. Was Stadtpfarrer Hauß vor 24 Jahren nie geahnt hätte, trat an diesem Tag ein. Er erlebte ein zweites Mal eine Glockenweihe in Nöttingen. In seiner mächtigen Festpredigt erinnerte er an damals.
Bei der nachmittäglichen Festfeier erfreuten sich die Besucher an einem bunten, lockeren Programm. Darunter die Festrede von Pfarrer Diemer, Chorvorträge des Männergesangvereins, von Gemeindegliedern verfasste Gedichte, humorvoller Erinnerungen von „Läutebuben“ ...
Die an diesem Sonntag geweihte Glocke kostete erheblich mehr, als ursprünglich angenommen. Besonders die Metallbeschaffung erwies sich als sehr teuer. Das Metall konnte glücklicherweise alles vor der Währungsreform bezahlt werden. Bei der am 1. Januar 1950 erstellten Abrechnung war nur noch ein Restbetrag von 614,75 DMark aus laufenden Mitteln zu decken.
Seit der Weihe 1949 scheint es ruhig geworden zu sein um unsere drei Glocken.
Eine wesentliche Änderung trat in dieser Zeit dennoch ein. Landesweite Veränderungen in Gesellschaft und Industrie machten auch vor Darmsbach und Nöttingen nicht halt. Was die kleine Kirchengemeinde Weiler bereits besaß, wünschte sich der hiesige Kirchengemeinderat Anfang 1954 auch für unseren Ort: Eine elektrische Läuteanlage. Die freiwilligen „Seilzieher“ waren offensichtlich Mangelware geworden. Selbst die Notwendigkeit, hierfür ein Darlehen über 1.800 DMark vom Evangelischen Oberkirchenrat zu erbitten, konnte diesen Plan nicht bremsen. Auch zu dieser Zeit war Wartebereitschaft erforderlich. Erst ein Jahr später kam Bewegung in diese Angelegenheit. Die Firma Bückelmann und Kuhlo aus Herford erhielt den Auftrag am 28. Januar 1955, und sieben Wochen später gab schließlich auch der Evangelische Oberkirchenrat seine Genehmigung hierzu. Die politische Gemeinde unterstützte das Vorhaben mit einer Beihilfe von 325 DMark. So hielt der Fortschritt im Frühjahr 1955 Einzug in die Glockenstube der Nöttinger Kirche. Die Glockenseile hatten ausgedient, und die Buben suchten sich einen anderen Zeitvertreib.
Noch einen weiteren Fortschritt brachte 1959 der Einbau einer automatischen Turmläuteeinrichtung. Hierdurch ergab sich die Möglichkeit, zwei Glocken täglich zu verschiedenen Zeiten, selbsttätig in Gang setzen zu lassen.
Im Frühjahr 1963 prüfte das Glocken-Prüfungsamt die Glocken ohne Beanstandung.
Einen Teilverzicht auf unser geliebtes Läuten brachten die Jahre 1971 / 71. Diesmal lag es nicht an irgendeiner Glocke, sondern an der totalen Innenrenovierung der Kirche. Die Gottesdienste fanden im Rathaussaal statt. Unmittelbar vor den Gottesdiensten konnte wohl geläutet werden, jedoch entfernt von den Versammlungsräumen. Das Vaterunser betete die Gemeinde in diesen Monaten ohne Begleitton.
Am 9. November 1980 fand der Gottesdienst wieder einmal an einem ungewohnten Platz statt. Um den geplanten Gemeindehausneubau finanzieren zu können, lud die Kirchengemeinde zu einem großen Gemeindefest in die Turnhalle ein. Um 10 Uhr begann dieser Festtag mit einer Überraschung. In der Turnhalle läuteten die drei Kirchenglocken! Die Technik machte es möglich: Karl Mayer hatte das Läuten auf Tonband aufgenommen und ließ dies über Lautsprecher an die Ohren der Festbesucher dringen. Auch die beiden folgenden Jahre freuten sich die Leute daran.
Im September 1989 prüfte das Glocken-Prüfungsamt unsere drei Glocken. Beim Läuten der ältesten und jüngsten Glocke entstand eine starke Torsionsbewegung (Verdrehung) des Holzglockenstuhls. Aufgrund dieser Feststellung waren empfindliche Folgeschäden beim gleichzeitigen Läuten dieser Glocken zu befürchten. Auch war der Prüfungsbericht mit der Empfehlung weiterer Renovierungsmaßnahmen Anlass dafür, das Staatliche Hochbauamt um Planung und Durchführung der notwendigen Reparaturen zu bitten. Nun sind wir wieder beim Eingangswunsch angelangt: Dass bald alle drei Glocken auf dem Nöttinger Kirchturm gleichzeitig unsere Ohren erfreuen. Dies ist seit Herbst 1993 wieder der Fall. Seit 2000 gibt es auch eine weitere Neuerung: Wir haben eine elektronische Leuteanlage, so dass unser Kirchendiener Horst Bodemer nicht mehr beim Läuten anwesend sein muss, sondern das Läuten auf eine Uhrzeit programmieren kann.  So steuert z.B. die Elektronik das Einladeläuten der Glocken für die Gottesdienstbesucher am Sonntag Morgen. Aber Horst Bodemer lässt es sich nicht nehmen unsere Glocken persönlich zum Altjahrsabendausklang und Neujahrsempfang am 1.1 um Mitternacht einzuschalten. So wurde hierfür extra die werkseitig vorhandene Programmierung für das automatische Läuten für diese Nacht deaktiviert, so dass er persönlich das Läuten steuern kann.